Straßensterne: Freiwilligendienst in Cochabamba

Helena Krogmann mit einem bolivianischen Kind in Cochabamba

Helena Krogmann war von August 2010 bis Juli 2011 über den Franziskanischen Freiwilligendienst im Projekt »Estrellas en la Calle« in Cochabamba / Bolivien. Helena berichtet uns über ihre Eindrücke:

Vor nicht all zu langer Zeit befand ich mich auf einem anderen Kontinent, in einem anderen Land, in einer anderen Stadt. Ich habe für ein Jahr meinen Freiwilligendienst in Cochabamba in Bolivien gemacht, in einem Straßenkinderprojekt namens »Estrellas en la Calle« (Sterne in den Straßen). Wenn ich mein Leben damals mit meinem Leben heute vergleiche, so könnte es unterschiedlicher nicht sein. Heute führe ich ein normales Studentenleben, lerne häufig und lebe in einer völlig digitalisierten Welt. Aber damals? Um ein vernünftiges Leben in der bolivianischen Kultur leben zu können, muss man einige deutsche Gepflogenheiten ablegen, sich der Gelassenheit anpassen und sich auf viele sonderbare Situationen einstellen. Doch eines musste ich schnell feststellen: Die Werte, die ich dort und vor allem im Projekt vermittelt bekam, waren denen meines Elternhauses meist sehr ähnlich. Eine sehr prägende Situation war mein erster Besuch auf der Straße, wo mir wieder und wieder bewusst wurde, was für ein Glück ich in meinem Leben habe und wie wichtig es ist, den Kindern auf der Straße das Gefühl zu geben, auch etwas wert zu sein. Die Mitarbeiter des Projekts tun genau dies.

Auf der Straße
Wir – Alejandro, unser Psychologe, und ich – laufen die Hauptstraße entlang zu einem Schotterplatz. Überall liegt Müll herum, ich wundere mich über die ungewöhnlich vielen weißen Flaschen. Der Platz wird von einem Fluss begrenzt. Wir sind gekommen, um eine junge Mutter mit ihrem Kind zu besuchen, doch von ihr ist weit und breit keine Spur. Alejandro bedeutet mir, ihm zu folgen. Wir laufen am Ufer des Flusses entlang und er ruft ihren Namen. Plötzlich höre ich eine Stimme. Wir drehen uns um und ein Mädchen winkt uns heran. Sie scheint nicht viel älter zu sein als ich. Sie trägt einen zerschlissenen Pullover, eine alte Jeans. Ihr Gesicht ist dreckig, wie ihre Hände. In der Hand hält sie eine der weißen Flaschen. Sie deutet auf den Boden. Dort liegt ein Junge auf einer kaputten Strohmatte. Er scheint zu schlafen. Auch er trägt zerschlissene Kleidung und ist dreckig. Sein komplettes linkes Bein ist in einen riesigen Gips eingepackt. Das Mädchen erzählt Alejandro mit wilden Gesten, dass ihr Sohn einen Unfall mit einem Auto hatte. Mehr kann ich nicht verstehen. Doch Alejandro hört geduldig zu. Sie scheint mit der Zeit das Thema zu wechseln. In einem Moment lacht sie kurz auf, dann wird sie wütend und dann für einen kurzen Moment scheint sich eine Verzweiflung auf ihrem Gesicht abzuzeichnen. Sie schaut sich kurz ihre weiße Flasche an, führt sie zur Nase und atmet tief ein. Ich bin geschockt. Sie schnüffelt! Es ist nicht so, dass ich nicht weiß, dass hier fast jedes Straßenkind schnüffelt, aber mir schien es nicht wirklich bewusst gewesen zu sein. Während sie wild gestikulierend weiter erzählt, bemerke ich einen bestialischen Geruch: der Kleber! Ich bin von der Situation Cochabamba vollkommen überwältigt und kann nur noch das Mädchen beobachten, was vor mir sitzt. Noch nie habe ich so viel Verzweiflung an einem Ort gespürt wie hier. Doch Alejandro hört ihr ruhig zu, legt ihr die Hand auf die Schulter und ist für sie da.

Impressionen im bolivianischen Hochland

Misstrauen prägt den Alltag
Ich erinnere mich an zahlreiche solcher Situationen. Während mir innerhalb des Projektes Werte vermittelt wurden, die den meinen sehr ähnlich sind, konnte ich mich jedoch im öffentlichen Leben an eines nicht gewöhnen: das Misstrauen gegenüber Fremden. Jeder war ein potenzieller Taschendieb oder könnte einem etwas Böses wollen. Entsetzt war ich, als ich merkte, dass ich selber anfing, so zu denken. Über dieses Misstrauen hinaus konnte ich mich auch nur schwer mit der Tatsache abfinden, dass die Menschen in Bolivien oft nicht zu ihrem Recht kommen, was das Misstrauen gegenüber Fremden im gewissen Maße rechtfertigt. Auch hierzu fällt mir eine sehr prägende Szene ein.

Mein Besuch im Gefängnis
Alejandro und ich fahren zum Gefängnis. Auf dem Platz angekommen, stellen wir uns in der kurzen Schlange an, die sich vor der Tür gebildet hat. Eine Polizistin sitzt an einem Holztisch und schreibt jeden in ein Buch, der hinein möchte. »Name?« »Helena Krogmann.« »Deinen Ausweis bitte!« Ich gebe der schlecht gelaunten Polizistin meinen Reisepass. »Wen willst du besuchen?« Ich sage ihr den Namen. »Und in welchem Verhältnis stehst du zu ihr?« »Ich bin eine Freundin.« Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass das eine glatte Lüge war. Ich habe diese Frau in meinem Leben noch nie gesehen. Aber dies ist die einzige Chance. Mitarbeiter des Projekts »Estrellas en la Calle« sind nämlich nicht als Besucher zugelassen.

Alejandro und ich müssen unsere Wertsachen einschließen und uns eine persönliche Kontrolle, wie am Flughafen, gefallen lassen. Dann öffnet uns eine Polizistin das Tor zu einer komplett eigenen Welt. Ich stehe völlig fasziniert im Inneren des Gefängnisses und alles, was ich mir vorher ausgemalt habe, verpufft mit einem Mal. Ich habe das Gefühl, auf dem Marktplatz eines Dorfes zu stehen. Am Rand sind überall »Tiendas« (vergleichbar mit deutschen »Tante-Emma-Läden«) zu finden. Hier kann man scheinbar alles kaufen. Getränke, Essen, Wolle, Hygieneartikel usw. Der ganze Platz ist voller Tische und Stühle und es wimmelt nur so von Menschen, eigentlich nur Frauen. In einer Ecke sitzen sie und waschen, während andere Essen kochen. Der Platz wird mit zahlreichen Planen vor Sonne und Regen geschützt. Eine pummelige Frau mit langen schwarzen Haaren und leicht gebräunter Haut kommt zu uns. Sie führt uns direkt hinüber zu einem der Tische. Wir setzen uns und reden. »Sag mal: Kommen die Frauen in den Tiendas jeden Tag her?« »Nein, die sitzen auch ein, aber dann für 15 oder 20 Jahre meist. Fast alle haben hier eine Aufgabe oder eine Arbeit, denn hier musst du dir das Essen und alles andere selber kaufen.« Ich bin erstaunt, höre weiter zu und kriege mit, dass die Frau weder einen Prozess hatte, noch weiß, wann sie rauskommt, obwohl sie schon einen Monat hier ist. Ihr Vergehen? Sie hat einem Polizisten das Walkie-Talkie und das Handy geklaut. Sie ist verzweifelt, dass sie ihren 8-jährigen Sohn nicht sehen kann. Er wohnt derzeit bei seiner Großmutter.

Hoffnung geben
Wir erfahren noch mehr über das Leben im Gefängnis und geben unserer Freundin durch unseren Besuch vielleicht ein wenig Mut. Das ist es, was ich mit meinem Freiwilligendienst erreichen wollte: Das Leben anderer kennenlernen und den Armen und Ausgegrenzten ein bisschen Hoffnung geben.

Helena Krogmann



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