Verrückt, dieses Deutschland! - Was Bolivianer und Deutsche voneinander lernen können

Philipp Bolik in Concepción während dem Deutschunterricht

Fast sechs Monate nach meiner Ankunft in Bolivien habe ich bereits einige Erfahrungen gesammelt und fühle mich der ganzen südamerikanischen Kultur gar nicht mehr so fremd. Die schlimmsten „Durststrecken“ waren bisher immer mit einer Krankheit verbunden. Wenn man körperlich in schlechter Verfassung ist, hat man oftmals auch keinen Nerv für die „Macken“ der anderen. Und die fallen einem neben den faszinierenden Seiten an einer anderen Kultur eben auch auf. 

Zurzeit bin ich intensiv mit der Vorbereitung für den Austausch zwischen der Katholischen Landjugendbewegung in Bayern  und acht Jugendlichen aus Bolivien beschäftigt.

Neulich hatten wir das erste Vorbereitungsseminar hier in Concepción. Wir haben dabei über Deutschland, Bolivien und die kulturellen Unterschiede zwischen beiden Ländern gesprochen, und ich habe dabei meinen bolivianischen Freunden die ersten Grundkenntnisse in Deutsch vermittelt. Lucas kann jetzt schon recht gut „Verzeihung bite wo is das Badd?“ sagen. Abends werde ich mittlerweile immer mit einem freundlichen „Gute Nackt“ verabschiedet. 

Verrückt, dieses Deutschland!

Als wir über Deutschland gesprochen haben, erfuhr ich, was die Teilnehmer des Seminars mit Deutschland verbinden. Eine kleine Auswahl: viele Autos, entwickelte, supergroße, wunderbare Städte, viele Einwohner, attraktive Deutsche (???), Leute mit goldenem Haar und heller Haut. 

Mauro, der Mann von unserem Gemeinde-Radio, der fast alles kann und der schon beim Weltjugendtag 2005 in Köln mit von der Partie war, hat uns dann noch seine Eindrücke von Deutschland geschildert. Er meinte, die Deutschen seien direkter, unabhängiger, solidarischer, ordentlicher, systematischer, strikter aber auch einsamer. Er fand es höchst befremdlich, dass er ein paar Stunden allein in einem Haus war. Ohne Kinder, ohne Großmutti, ohne Frau, die die Wäsche wäscht und kocht, ohne Hunde, ohne Hühner…

In Deutschland kann man dem Busfahrer auch nicht einfach sagen wo er anhalten soll, sondern es gibt feste Bushaltestellen. Verrückt, dieses Deutschland. 

Als Hauptratschlag gab Mauro den anderen mit auf den Weg, jetzt schon mal anzufangen, ihre Pünktlichkeit zu „trainieren“…

Mauro, der DJ vom Gemeinde-Radio

Absage mit einem Lächeln

Ich fühle mich sehr wohl hier, aber manchmal ärgere ich mich auch. Zum Beispiel, wenn ich daran denke, dass ich vor vier Monaten einen Fußschemel zum Gitarrespielen bestellt habe. Jeden Tag bin ich in die Werkstätten gegangen, um nach dem Fortschritt zu fragen, und mir wurde jeden Tag mit einem großen „Hola Felipe! Cómo estás?“ („Hallo Philipp, wie geht’s?“) und einem breiten Lächeln gesagt, ich solle am nächsten Tag wiederkommen. Nach zwei Wochen hab ich´s aufgegeben. Jetzt dienen mir eine Bibel und ein Stück Holz dazu, meinen Fuß zu stützen. Auf ein Schachspiel warte ich auch schon zwei Monate.

Warum machen das die Bolivianer? Warum sagen sie nicht einfach: „Für deine lustigen Ideen mit Fußschemel und Schachspiel haben wir einfach keine Zeit oder Lust.“ Ich glaube, es liegt daran: Für Bolivianer bedeutet eine direkte Absage einen herben Gesichtsverlust für den Bittsteller. Dieses Aufschieben beziehungsweise diese Form der indirekten Absage („otro día“ – ein andermal oder „mañana“ – „morgen“) dient dazu, dem anderen seinen Respekt zu erweisen und die Harmonie nicht zu gefährden. Für Deutsche ist das eher befremdlich, sie sind direkter und formulieren ihre Anliegen offener. Aber mittlerweise komme ich mit dieser Art ganz gut klar. Man muss es einfach wissen.

Bolivianische Jugendliche im Internetcafé

Was wir voneinander lernen können

Faszinierend finde ich: Die Bolivianer aus dem Tiefland sind immer entspannt. Sie genießen den Moment. Zeit ist hier nicht Geld, sondern einfach da, und an morgen wird erst übermorgen gedacht. Die Menschen hier leben einfach und glücklich, obwohl sie sehr arm sind. Ich frage mich deshalb: Können wir Europäer nicht ganz viel von ihnen lernen?  Es gibt zwar einige Lebensbereiche, die in Deutschland ganz klar weiter entwickelt sind: Das Gesundheitswesen, die Art der Ernährung, die Bildung, die Infrastruktur, das politische System und die Wirtschaft. Aber was das Wir-Gefühl angeht, der Zusammenhalt in den Familien, die Gelassenheit in allen Lebenslagen oder der gelebte Glaube im Alltag: Hier könnten wir Nordeuropäer sicher ganz viel Entwicklungshilfe von den Lateinamerikanern brauchen.  

Ich bin mir sicher, dass der Austausch von deutschen und bolivianischen Jugendlichen beim Weltjugendtag in Madrid eine wertvolle Erfahrung für beide „Parteien“ wird und dass wir Deutschen genauso viel von den Bolivianern wie diese von uns lernen können. 

Bericht von Philipp Bolik während seinem weltwärts-Freiwilligendienst 2011


Über den Autor

Philipp Bolik, 19, stammt aus Germering bei München. Nach seinem Abitur hat er ein Jahr in der bolivianischen Kleinstadt Concepción verbracht und dort  im Rahmen des weltwärts-Freiwilligendienstes bei den Franziskanern mitgearbeitet.

Seine Hauptaufgaben bestanden darin, die Partnerschaft zwischen der Katholischen Landjugendbewegungin in Bayern und der Jugend in Bolivien  zu vertiefen sowie die Jugendlichen von Concepción an den Umgang mit dem Computer heranzuführen. Dazu gehörte die Einrichtung eines Internetcafés und eines Jugendkinos.

Auszüge aus Briefen, die er während dieser Zeit nach Hause geschrieben hat, spiegeln seine Erfahrung wider, dass beide Kulturen, die deutsche und die bolivianische, ihre Faszination haben – und dass die Menschen aus beiden Teilen der Welt voneinander lernen können.

 

Philipp Bolik ist Ende Juli 2011 von seinem einjährigen weltwärts-Freiwilligendienst bei den Franziskanern in Concepción, Bolivien, zurückgekehrt. Ab dem kommenden Wintersemester wird er an der TU München Bauingenieurwesen studieren.


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