Kirche im Gegenwind - die politische Situation in Bolivien

Momentan ist Bolivien dabei, sich “neu zu gründen”. Viele Bolivianer sprichen vom “cambio”, vom totalen Wandel.  Alles, was die Spanier mit ins Land gebracht haben und was seitdem dort gewachsen ist,  gilt als Teil der Kolonisierung und daher endlich zu überwinden. Kirche und katholischer Glaube gehören dazu und müssen folglich ebenso abgeschafft werden. So jedenfalls ist es ständig vonseiten der Regierung unter Evo Morales zu hören. Die Sache ist ziemlich komplex und auch konfliktiv. Beleuchten wir einige der Aspekte etwas genauer.

Seit etwa 30 Jahren gibt es eine starke indigene Bewegung. Viele Nichtregierungsorganisationen (NROs) haben landesweit daran gearbeitet, das Selbstbewusstsein der Indigenas zu heben, ihnen zur Anerkennung ihrer Würde zu verhelfen und sich hierzu selbst zu organisieren. Besonders auf dem Land, wo die indigene Bevölkerung lebt, sind und waren diese Bestrebungen fruchtbar. Dies ist gut und lobenswert, denn dass vieles hinsichtlich der indigenen Bevölkerung hier in Bolivien im Argen lag, steht außer Zweifel. Bis 1825 war Bolivien unter spanischer Herrschaft. Aber auch nach Ausrufung der Unabhängigkeit und der Republik wurde das Land bis vor kurzem weiter von den Weißen, also den Nachkommen der Spanier, beherrscht. Die indianische Bevölkerung wurde weiterhin ausgebeutet oder unterdrückt.

Es war also eigentlich gut, dass sich zusammen mit der indigenen Bewegung auch ein Kurswechsel in der Politik abzeichnete. Das Problem war nur das Wie: Es bildete sich die Partei MAS (movimiento al socialismo), eine Bewegung zum Sozialismus hin. Vorbild war und ist das kommunistische Kuba. Freunde sind Hugo Chávez aus Venezuela, das politische System im Iran und das Gaddafi-Regime in Lybien.  Mit Hilfe der NROs, der Gewerkschaften und der neuen linken Partei schaffte es Evo Morales, erster indigener Präsident zu werden. Dies wurde weltweit bewundert. Endlich ein Indianer Präsident von Bolivien!! Dazu wurde eine große Feier an dem alten indianischen Kultort Tiwanaku mit seinem berühmten Sonnentor inszeniert, wo sich der neue Präsident  von einem Inka-Priester segnen liess. Die katholische Kirche war praktisch nicht präsent, und es gab  auch keine christliche Vereidigung. Das Christentum wird mit der Kolonisierung in Zusammenhang gebraucht und ist nun unerwünscht. 

Da zeigt sich das große Problem! Auf der einen Seite muss vieles aufgearbeitet werden, was nicht gut war in der Vergangenheit. Einheimische Kulturen, Religionen und Kulte wurden unterdrückt und  gingen teilweise verloren.  Die europäische Kultur und die katholische Religion wurden der einheimischen Bevölkerung teilweise aufgezwungen.  Das hätte nicht sein dürfen. Andererseits wird der christliche Glaube heute von einem Großteil der Bolivianer von Herzen  gelebt, und zwar auf eine ganz eigene, ganz und gar nicht europäische Weise. Die Bolivianer hatten es noch nie mit einem verkopften Glauben oder mit philosophischen-theologischen Reflexionen. Für sie sind die Heiligen wichtig, ganz konkrete Menschen „zum Anfassen“, die durch ihr Beispiel Wegweiser und Wegbegleiter sind zu Gott. Eine besondere Rolle spielt dabei die „Virgen“, die Mutter Gottes, meistens zusammen mit dem Jesuskind. Doch neuerdings hetzen amerikanische Sekten die Menschen gegen die Kirche auf. Sie sagen: Marienverehrung ist Götzendienst, der Papst ist der Antichrist. Durch ihre Höllenpredigten und die Verbreitung von Weltuntergangsstimmung stellen sie die sozialen kirchlichen Projekte in Frage und lassen die Menschen glauben, ihr Engagement auf dieser Welt habe keinen Sinn. Auf dieser Basis sind Ökumene und interreligiöser Dialog schwierig. Trotzdem müssen wir versuchen, so gut wie möglich miteinander im Gespräch zu bleiben. Vor allem die wichtigen Anliegen der indianischen Religionen in Bezug auf die Schöpfung müssen wir sehen und fördern.  

Bericht von Reinaldo Brumberger OFM, bayerischer Missionar in Bolivien.



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