23.05.18

Türen

Pfingstbrief von Provinzial Cornelius Bohl ofm

Haus Gottes und Tür zum Himmel

Haus Gottes und Tür zum Himmel

Liebe Freunde der Franziskaner Mission,

Bilder können oft mehr erzählen von unseren Hoffnungen und Sorgen als Worte. Die Tür ist so ein sprechendes Bild.

Manchmal tut es gut, die Tür hinter sich zumachen zu können, um seine Ruhe zu haben. Viel öfter aber macht die Vorstellung von verschlossenen Türen Angst. Es ist ein Alptraum, irgendwo eingeschlossen zu sein und nicht ins Freie zu kommen. Dann bin ich hilflos gefangen. Gefängnistüren können nur von außen geöffnet werden. Es reicht schon die Erfahrung, sich selbst irgendwo eingeschlossen oder von der eigenen Wohnung ausgeschlossen zu haben, um uns den Schweiß auf die Stirn zu treiben. Schlimmer noch, von Menschen ausgeschlossen zu sein. Und manchmal verschließt sich jemand auch selbst in Trauer, Depression oder Angst und kommt da nicht mehr raus!

Das Neue Testament berichtet, dass die Jünger nach der Auferstehung Jesu aus Angst sich selbst eingeschlossen haben. Zwei Mal ist da ausdrücklich von „verschlossenen Türen“ die Rede (vgl. Joh 20,19 und 26)! Da ist nichts von Osterfreude zu spüren. Die verschreckten Männer verkriechen sich, trauen sich selbst nichts zu, sehen für sich keine Zukunft. Es wird erst Ostern, als Jesus durch diese verschlossenen Türen auf sie zugeht. Sie kamen selbst nicht aus ihrer Trauer heraus. Aber er kommt in ihre Not hinein und schenkt ihnen Frieden. Die Pfingstgeschichte greift das Bild indirekt wieder auf und führt es weiter: Wieder sind die Jünger drinnen, „im Haus“ (vgl. Apg 2,2). Und nun ist es der Geist Gottes, der sie befähigt, selbst die Türen zu öffnen, nach draußen zu gehen und dort couragiert aufzutreten.

Wir Christen dürfen als österliche Menschen immer wieder erfahren, wie der Geist Gottes unsere Verschlossenheit aufbricht. Zugleich lädt er uns ein, mitzuhelfen, dass sich auch für andere Menschen Türen in die Zukunft öffnen. Zugegeben, das hört sich sehr theoretisch an. In der Praxis aber ist es ganz konkret erfahrbar. Etwa in Cochabamba. In dieser viertgrößten Stadt Boliviens mit ständig wachsender Bevölkerung leben viele Menschen in extremer Armut. Ganze Familien kämpfen auf der Straße ums Überleben, weil sie keine Wohnung haben. Es fehlt ihnen an Kleidung, Essen und medizinischer Versorgung, der Alltag ist geprägt von Gewalt, Kriminalität und Drogen. In dieser Stadt der Gegensätze ist die Welt der Reichen oft greifbar nah, aber die Armen sind hoffnungslos von ihr ausgeschlossen. Im Jahr 2007 hat die Franziskanische Familie in Cochabamba ein franziskanisches Sozialzentrum gegründet. Dort gibt es eine Suppenküche und eine Kleiderkammer, Ärzte und Psychologen, eine Apotheke, einen ökologischen Garten und Räume für die Menschenrechtsarbeit mit indigenen Volksgruppen. Dadurch öffnen sich für mehr als 6.000 ausgegrenzte Menschen in extremer Armut täglich Türen in neue Möglichkeiten, die ihnen sonst verschlossen bleiben würden. Das Centro Social Franciscano, und dies finde ich besonders schön, wird hauptsächlich durch die freiwillige Arbeit der Franziskanischen Familie und der franziskanischen Jugend getragen und ist darum weitgehend auf Spenden von außen angewiesen. Pater Juan Carlos bittet uns um 5.000,- Euro, damit Nahrungsmittel für die Suppenküche und Materialien für die Arbeit mit Kindern besorgt werden können. Mit diesem für uns vergleichsweise bescheidenen Betrag können ein Jahr lang für viele Menschen Türen geöffnet und offen gehalten werden.

Auch die franziskanische Musikschule in Ascensión de Guarayos in Santa Cruz, ebenfalls in Bolivien, öffnet Türen, und das gleich in zweifacher Weise. Musik verbindet Menschen und schafft Beziehungen, sie hilft den etwa 120 jungen Schülerinnen und Schüler, sich zu öffnen, aus sich herauszugehen und mit anderen zu kommunizieren. Da der Abschluss dieser Schule inzwischen auch vom bolivianischen Staat anerkannt ist, haben die Jugendlichen nach ihrer Ausbildung außerdem sehr gute Chancen auf einen Arbeitsplatz und damit auf Zukunft. Pater Martín, der Gemeindepfarrer von Ascensión, setzt sich tatkräftig für die Schule ein. Immer wieder müssen Musikinstrumente repariert, Unterrichtsmaterialien besorgt und vor allem die Gehälter von zwei Musiklehrern gesichert werden. Mit Ihrer Hilfe möchten wir diese Tür für Kinder und Jugendliche in Ascensión de Guarayos gerne offen halten.

Bald feiern wir Pfingsten. Ich wünsche Ihnen gesegnete Pfingsttage, die erfahren lassen, wie der Geist Gottes Türen öffnet, wo wir uns selbst aus Kleinmut oder Angst verschlossen haben oder von anderen ausgeschlossen fühlen. Wir können das Ganze auch umdrehen: Wo immer sich Menschen füreinander öffnen und wo immer für uns oder andere Menschen Türen aufgehen, da ist der Geist Gottes am Werk. Da ereignet sich Pfingsten. Und dieser Geist tut nicht nur etwas an uns. Er wirkt auch durch uns für andere.

Ich danke Ihnen für Ihr Interesse an unserer Arbeit und alle Unterstützung und grüße Sie sehr herzlich aus München –

Ihr

P. Cornelius Bohl ofm

Provinzial der Deutschen Franziskanerprovinz



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