7.06.17

Die Spannung zwischen "Ich" und "Wir"

Der Pfingstbrief von Provinzial P. Cornelius Bohl ofm

Liebe Missionsfreunde,

in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft wird heute eine zunehmende Individualisierung beklagt. Dieses Thema beschäftigt uns selbst in unserer Ordensgemeinschaft. Auch auf der politischen Bühne Europas und in der Weltpolitik nimmt die Tendenz zu, Eigeninteressen so einseitig zu vertreten, dass dabei eine umfassende Solidarität auf der Strecke bleibt.

Nun ist die Individualität des Einzelnen ganz ohne Zweifel ein hoher Wert, den wir schützen müssen. Totalitäre Systeme haben immer wieder versucht, die Persönlichkeit des Individuumsauszulöschen und im Ganzen etwa der Volksgemeinschaft“, der „Klasse“ oder des „Kollektivs“ aufgehen zu lassen. Der Mensch verliert aber seine Würde und wird zerstört, wo er anonymin der Masse verschwindet. Andererseits kann er sich nur in Beziehungen voll verwirklichen.Wer nur isoliert um sich selbst kreist, findet auf Dauer schwerlich Sinn und Erfüllung.

In dieser Spannung zwischen „Ich“ und „Wir“ spielt sich unser Leben ab. Die beiden Pole müssen sich nicht widersprechen: Gerade in der Beziehung zu anderen entdecke ich meine unverwechselbare Persönlichkeit. Und nur Menschen, die sich selbst gefunden haben und nicht gesichtslose Mitläufer sind, können echte Gemeinschaft aufbauen. Diese Spannung zwischen Individualität und Gemeinschaft gut auszutarieren und fruchtbar zu machen – darin liegt sicherlich eine große Lebenskunst!

In wenigen Tagen feiern wir Pfingsten. „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort“, heißt es in der Apostelgeschichte. „Da erschienen ihnen Zungen wie von Feuer; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder“. Der Geist Gottes schafft beides: Einerseits verbindet er Menschen. Er überwindet trennende Barrieren und macht es möglich, dass Menschen unterschiedlicher Sprachen einander verstehen. Er ermöglicht Kirche. Andererseits ergreift er jeden Einzelnen, erschließt ihm seine ureigene Berufung und zeigt ihm seinen ganz persönlichen Weg.

Ich hoffe, dass auch die weltkirchliche Arbeit von uns Franziskanern von diesem Geist Gottes geprägt ist. Er lehrt uns, stets den einzelnen Menschen im Blick zu haben und ihm zu helfen,vor Gott seine unverwechselbare Persönlichkeit zu entwickeln und seinen eigenen Weg zu finden. Zugleich aber bewegt uns derselbe Geist, Menschen aus ihrer Isolierung zu befreien, sie in Beziehung zu setzen, Solidarität zu ermöglichen und so Kirche erfahrbar zu machen.

Diese doppelte geistgewirkte Ausrichtung kennzeichnet auch die beiden Projekte, die ich Ihnen dieses Jahr zu Pfingsten vorstellen möchte. Da ist einmal die Kindertagesstätte der Pfarrei von San Ramón, einer Kleinstadt mit ca. 9.000 Einwohnern im bolivianischen Tiefland in der Region Chiquitanía. Das Städtchen ist in den letzten Jahren schnell gewachsen, immer noch sind drei Stadtteile ohne fließendes Wasser und Stromanschluss. Die Einwohner arbeiten auf den Plantagen der Großgrundbesitzer oder im Bergbau. Ihr Verdienst ist so gering, dass sie gerade überleben können. Viele Kinder sind unterernährt und bleiben tagsüber, während die Elternarbeiten, auf sich allein gestellt. Für sie ist die Kindertagesstätte ein Ort, an dem sie gemeinsam mit anderen gut leben können. Hier bekommen sie zu essen, erhalten Hilfe bei den Hausaufgaben und werden individuell gefördert. Sie erfahren beides: Ich bin wichtig, ich persönlich erfahre Hilfe und Zuwendung, es geht um meine persönliche Zukunft. Aber auch: Ich bin nicht allein. Wir gehören zusammen. Ich kann anderen helfen und andere helfen mir, Gemeinschaft tut gut. Rund 70 Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren kommen täglich in diese Kindertagesstätte. Pater Kazimierz bittet uns um 7.000,- Euro, um für ein Jahr Nahrungsmittel, didaktische Materialien und drei Erzieherinnen bezahlen zu können.

Es geht um mich persönlich, aber ich bin nicht allein – das erfahren auch die etwa 6.000 (!) Menschen, die regelmäßig das Centro Social Franciscano besuchen, das die Franziskanische Familie seit bereits zehn Jahren ebenfalls in Bolivien in Cochabamba unterhält. Sie finden hier eine Suppenküche und eine Kleiderkammer, einen ökologischen Garten, Zahnärzte, Allgemeinärzte, Augenärzte und Psychologen sowie eine Apotheke. Kinder mit Brandwunden erhalten eine traumatherapeutische Behandlung, es gibt ein eigenes Programm zur Betreuung von Gewalt- und Folteropfern. Dieses Zentrum wird hauptsächlich durch die freiwillige Arbeit der Franziskanischen Familie und der Franziskanischen Jugend geführt. Auch hier steht im Mittelpunkt die Sorge um den einzelnen mit seiner ganz persönlichen Geschichte – aber er erfährt konkrete Hilfe in einem Netz gemeinschaftlicher Solidarität. Um in diesem Jahr Lebensmittel und Medikamente, die Reinigung und den Unterhalt des Gebäudes und die Wartung der medizinischen Geräte bezahlen zu können, hat uns der Provinzial von Bolivien um 5.300,- gebeten, die wir ihm mit Ihrer Hilfe gerne zukommen lassen würden.

Wir Franziskaner können helfen, weil Sie uns helfen. In unserer Arbeit geben wir nur weiter, was Sie uns anvertrauen. Für Ihre finanzielle Unterstützung, aber auch für alles Interesse an unserer Arbeit danke ich Ihnen sehr herzlich. Und ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Pfingstfest.

In der allgemeinen Wahrnehmung hat Pfingsten längst nicht die Bedeutung wie Ostern oder gar Weihnachten. Wer aber glauben darf, wird die Pfingsttage mit tiefer innerer Freude begehen: Wenn ich mich dem Geist Gottes öffne, dann wird er mir helfen, meinen individuellen, ganz persönlichen Weg zu finden und mutig zu gehen. Zugleich überwindet er Vereinzelung und Isolation, schafft Beziehung und verbindet in tiefer Gemeinschaft. Und dieser Geist ist uns nicht nur verheißen – er ist uns tatsächlich geschenkt!

Ihnen einen herzlichen pfingstlichen Gruß aus München –

Ihr

P. Cornelius Bohl ofm

Provinzial der Deutschen Franziskaner



Letzte Nachrichten

6.07.17

Was kostet eine Franziskanerprovinz?

Der steinige Weg der bolivianischen Franziskaner in die finanzielle Unabhängigkeit

14.03.17

Wie der kleine Hund Carmelo als „Bruder Schnauz“ berühmt wurde.

Bolivianische Franziskaner auf den Hund gekommen.

Carmelo in seinem Revier, dem Klostergarten
9.03.17

Brief von unserem Bolivienmissionar Miguel Brems

Liebe Missionsfreunde, ich bedanke mich sehr für Ihre Spenden vom Februar. Mir geht es gut...

16.02.17

Neue Provinzleitung in Bolivien gewählt

Vom 13. bis zum 17.02.2017 fand in Cochabamba das Kapitel der Franziskanerprovinz Provincia...

18.01.17

Viel Engagement für die Mission

Ein großer Dank an alle, die für die Mission gespendet oder sich, wie zum Beispiel beim...

Gute Laune auf dem Adventsmarkt
14.12.16

"Wachet auf"

Der Weihnachtsbrief von Provinzial P. Cornelius Bohl ofm

Weihnachten in Concepción - die Kinder haben Krippen gebastelt
8.12.16

Dokumentarfilm "Viacrusis Migrante"

Ein Film über die Migrantenherberge der Franziskaner im Mexiko am 13.12.2016 um 18 Uhr im...

Der Zug ist da, die Migranten springen auf.

© www.mission.franziskaner.de