Mission heute – Der Weg und das Haus

Die Qualität eines Erlebnisses, so heißt es in der Erlebnispsychologie, hänge an der gleichzeitigen Erfüllung zweier eigentlich völlig gegensätzlicher Bedürfnisse: dem Drang nach Neuem, Herausforderndem, Abenteuerlichem – und dem Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit. Abenteuer würden nur aus dem Gefühl der Sicherheit heraus zum Genuss, und Geborgenheit wisse man erst dann zu schätzen, wenn man sich dem Fremden gestellt habe.

Leben ist einerseits immer neuer Aufbruch ins Unbekannte und Fremde, Wunsch nach Zukunft, ein Weg, der nach vorne weist. Und zugleich tiefe Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit, nach Dauer und Bleiben-Dürfen, dem festen Haus, das Sicherheit und Schutz verleiht. Beides gehört zusammen: Der Weg und das Haus. Wer nur vorwärts rennt, verliert sich selbst. Wer nur noch bleiben will, verschließt sich dem Strom des Lebens. So wie das Ein- und Ausatmen Zeichen des Lebens ist, so auch die Spannung von Aufbruch und Heimkehr.

Weg und Haus. Christus gebraucht beide Bilder: Er selbst ist der Weg. Und er ist gekommen, um uns im Haus des Vaters eine Wohnung zu bereiten. Vielleicht können uns gerade die Unterwegs und Daheimerfahrungen einmal neu von ganz ungewohnter Seite her spüren lassen, was Glaube ist. Beides nämlich, Weg und Haus, immer neuer Aufbruch und zugleich Heimat und Geborgenheit. Beides, nicht eines von beiden.

Weg und Haus – in diesen beiden Bildern sammeln sich nicht nur Erfahrungen unseres persönlichen Lebens, sie beschreiben auch die Spannung, in der die Kirche als ganze steht. Sie ist das Volk Gottes unterwegs. Immer wieder ist sie in ihrer zweitausendjährigen Geschichte aufgebrochen in fremde Länder und andere Kulturen, musste sich oft neuen Herausforderungen stellen. Davon erzählt nicht zuletzt die Missionsgeschichte. Und wir erleben es zur Zeit gerade auch hier bei uns in Deutschland, dass viele gewohnte kirchliche Strukturen nicht mehr tragen. Die Kirche muss alte Wege verlassen und neue Wege in ihre Zukunft suchen. Dieser Umbruch ist oft mühsam und schmerzlich, aber auch ein Zeichen von Lebendigkeit: So bleibt Kirche eben auf dem Weg, heraus aus dem bisher Vertrauten in ein neues Land, das der Herr uns zeigen wird, auch wenn es noch unbekannt ist oder sogar Angst macht.

Aber dann ist Kirche auch Heimat. In allen Umwälzungen und Veränderungen will sie das durch die Geschichte tragen, was bleibt. Sie ist das gemeinsame bergende Haus für alle Getauften überall auf der Welt, so unterschiedlich ihr Alltag auch aussehen mag – in Deutschland und in Bolivien, in Rußland, Japan oder China.

Vielleicht ist das auch eine wichtige Sendung von Kirche, ihre Mission heute: Menschen zum Aufbruch zu ermutigen, sie ins Fremde und Neue zu begleiten – und zugleich Heimat zu bieten, Orte der Erlösung zu schaffen.

Eben Weg zu sein und Haus.

 

Hausbauprojekt in Yaguaru, Bolivien


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