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Copacabana in Bolivien - Wallfahrt zum marianischen Nationalheiligtum am Titicaca-See

"Welch eine Freude, als man mir sagte, wir gehen zum Haus des Herrn". Dies ist eines der vielen Wallfahrtslieder der bolivianischen Pilger, die zu Tausenden das ganze Jahr über nach Copacabana ziehen, um ihre Mamita Morena, ihr „braunes Mütterchen“ zu grüßen, zu feiern und auch um ihre Hilfe zu bitten. Die frohen Melodien sind Ausdruck der Volksfrömmigkeit. Bei Wallfahren oder Prozession mitzugehen, ist für die Gläubigen eine Freude und zugleich ein öffentliches Bekenntnis ihres Glaubens. Die Verehrung und Liebe zur Gottesmutter steckt den Bolivianern wie allen Lateinamerikanern, im Blut. Jede Region, ja jede Diözese hat ihr marianisches Heiligtum. Diese Orte sind Anziehungspunkte der Gläubigen. Sie sind Orte des Gebetes, aber auch des fröhlichen Feierns.

Das Marienheiligtum von Copacabana am Titicaca-See ist ein Nationalheiligtum Boliviens und wird von uns Franziskanern betreut. Stolz blickt die große und schöne Basilika aus dem 17. Jahrhundert über den See hinüber zu den nahen Bergen.

Copacabana am Titicacasee

Das größte Fest zu Ehren der Gottesmutter wird am 2. Februar gefeiert. Da kommen sie alle: Pilger, die einen tagelangen Fußmarsch hinter sich haben, aber auch Gruppen in Bussen oder Autos, manchmal von weither. Alle wollen einige Tage unter dem Schutz Mariens ihr Fest feiern und einige Tage in ihrer Nähe verbringen. 

Zur Mamita Morena haben sie Vertrauen, auf ihre mütterliche Liebe setzen sie ihre Hoffnung. Die Statue ist bekleidet, und sie trägt eine Krone, die mit 12 Sternen geschmückt ist, auf dem Haupt. Ihr zu Füßen liegt der Mond. Maria, Königin des Weltalls: Dieses Bildnis wurde im 16. Jahrhundert von Francisco Tito Yupanki, einem Nachfahren der Inka-Könige, angefertigt, nachdem ihm die Jungfrau von Copacabana erschienen war.  

Nach dieser Erscheinung wollte er dem kleinen Kirchlein in Copacabana ein Marienbild schenken. Eigens dazu erlernte er das Schnitzerhandwerk. Unter großen Mühen und nach der Überwindung vieler Hindernisse führte er sein Vorhaben schließlich zu einem glücklichen Ende. Die Gläubigen bauten der wundertätigen Mutter später das heutige Heiligtum.  

Zu ihr kommen sie nun alle als Büßer. Singend ziehen sie ins Heiligtum ein. Mit melancholischen Melodien werfen sie sich ihr zu Füssen, um ihre Fürsprache beim mächtigen Gott zu erbitten. Viele suchen Versöhnung im Sakrament der Buße, um Gott und den Menschen verbunden den Festgottesdienst feiern zu können. Am Schluss des Gottesdienstes schlüpfen sie alle gläubig unter den Schutzmantel Mariens, den der Priester über sie breitet, während er dabei den Gruß des Engels an Maria, das "Salve", singt.

Mit dem Segen für sich und ihre Familien ziehen Gläubigen anschließend zur Kerzenkapelle, um dort für sich und alle, die nicht mitkommen konnten, je eine Kerze aufzustecken. Auch der Segen mit Weihwasser ist ein wichtiges Zeichen der inneren Umkehr und Reinigung.  

Schließlich zieht die Menge mit dem Gnadenbild in feierlicher Prozession hinaus ins alltägliche Leben. Es ist ein fröhliches Gehen im Rhythmus der Blasmusik. Folklore-Tanzgruppen erweisen der Mamita ihre Verehrung, auch Weihrauch und Rosenblätter als Gaben dürfen bei der Prozession nicht fehlen. Viele Teilnehmer versuchen, das Gnadenbild zu berühren, um einen persönlichen Kontakt mit der Mamita zu erhaschen. 

Die Pilger schenken der Gottesmutter auch kunstvoll gestickte Kleider oder Schmuck, teils aus Dankbarkeit, teils, um sie zu ehren.

Viele der Pilger ziehen am nächsten Tag zum sogenannten Kalvarienberg. Ein Kreuzweg führt zu der Anhöhe, auf dem die die Gläubigen zusammen mit Maria den Leidensweg Christi nachgehen können.

Wie in jedem andren Wallfahrtsort ist auch in Copacabana das Angebot an Verehrungsgegenständen und Andenken groß, die die Pilger für sich und die Daheimgebliebenen kaufen können. Zu Hause findet dann die ihren Platz auf dem Hausaltärchen: inmitten der anderen Heiligenfiguren, die als Schutzheilige verehrt werden.

Diese Art der Volksfrömmigkeit birgt vielleicht manchmal auch die Gefahr des Synkretismus, das heißt der Vermischung mit heidnischen Bräuchen in sich. Doch Gott Vater und die Gottesmutter verstehen ihre Kinder schon. Schließlich schauen sie ihnen direkt ins Herz.

Bericht von P. Michael (Miguel) Brems OFM
Pater Michael lebt seit 50 Jahren in Bolivien und war der erste Provinzial der 1984 gegründeten bolivianischen Franziskanerprovinz.