8.08.18

Dank Ihrer Hilfe!

Eindrücke aus Bolivien

Liebe Freunde der Franziskaner Mission,

seit mehreren Jahren schon bin ich als Provinzialminister auch für unsere weltkirchliche Arbeit verantwortlich. Dabei liegt ein besonderer Schwerpunkt auf Bolivien. Seitdem 1951 die ersten bayerischen Franziskaner nach Bolivien aufgebrochen sind, fühlen wir uns den Menschen dort sehr verbunden. Durch Briefe, Berichte und Fotos erhalte ich regelmäßig Informationen über die Projekte, die wir in Bolivien unterstützen. Besonders hilfreich ist es natürlich, wenn Brüder, die dort leben und arbeiten, hier in St. Anna einen Besuch machen und dann direkt von ihrer Situation und ihrer Arbeit erzählen. So ist mir manches im fernen Bolivien in den letzten Jahren nach und nach vertraut geworden.

Nun aber war ich in der ersten Maihälfte dieses Jahres tatsächlich zum ersten Mal für etwa zwei Wochen in Bolivien. Auch wenn ich inzwischen schon wieder einige Wochen in Deutschland bin, sind die Erlebnisse und Eindrücke noch ganz wach und kommen mir immer wieder in den Sinn. Santa Cruz, Ascensión, Concepción, Cochabamba – das waren für mich bisher nur Worte, jetzt verbinden sich damit konkrete Gesichter und Bilder. Es hat mir gut getan, viele Einrichtungen, über die ich Ihnen schon einmal in meinen Briefen berichtet hatte, nun persönlich in Augenschein zu nehmen und mit den Menschen dort ins Gespräch zu kommen. Das soziale Engagement unserer Brüder und verschiedener franziskanischer Schwesterngemeinschaften hat mich tatsächlich beeindruckt: Schulen, Ausbildungswerkstätten, Internate, Treffpunkte für Straßenkinder, Arbeit mit Behinderten, eine mobile Klinik und andere medizinische Angebote, Frauenprojekte, Armenspeisungen … Da leisten Schwestern und Brüder elementarste Dienste! Wenn sie das nicht tun würden, würde diesen Menschen niemand helfen. So war das bei uns im 19. Jahrhundert auch. Heute sind in Europa solche Aufgaben staatlich abgedeckt (wobei auch in Bolivien gefragt wird, wo der Staat mehr in die Pflicht genommen werden sollte). Die hier oft gestellte Frage „Wer braucht heute in Europa noch wirklich Ordenschristen?“ habe ich Bolivien nicht gehört.

Apropos Einrichtungen für Kinder: Wenn unsere Partner uns dafür um Unterstützung bitten, schreiben sie immer wieder, wie wichtig solche Orte für Kinder und Jugendliche sind. Ohne eine solche Anlaufstelle wären sie den größten Teil des Tages völlig sich selbst überlassen, auf der Straße, umgeben von Gewalt, Drogen und Prostitution, da ihre Eltern von morgens bis abends arbeiten. So hatte ich das oft gelesen. So habe ich es immer wieder auch an Sie geschrieben. Jetzt aber erst habe ich solche Väter und Mütter gesehen und verstanden, was das für sie und ihre Familien heißt: Tagelöhnerdasein in der Stadt. Frauen stehen irgendwo mit einem Wasserschlauch und hoffen, ein Auto putzen zu können, verkaufen irgendetwas am Straßenrand. Männer verdingen sich bei Bauarbeiten. In ländlichen Gebieten schuften sie für kargen Lohn auf den Feldern der Großgrundbesitzer oder auch im Bergbau. Die Möglichkeit, eigenes Land zu erwerben, um so die Familie zu ernähren, gibt es für die meisten nicht.

Das Kinder-Tagesheim mit dem poetischen Namen „Träume spinnen“ am Stadtrand von Cochabamba habe ich im Mai selbst besucht. Die Behausungen in diesem Stadtteil sind erbärmlich, teilweise gibt es keinen Wasseranschluss und auch keine Müllabfuhr. Eine junge Frau aus Deutschland, die dort für ein Jahr als Freiwillige arbeitet, erzählt von einer Mutter mit sechs Kindern. Der Vater kam vor einigen Jahren bei einem Unfall ums Leben. Diese Frau wäscht sieben Tage in der Woche LKWs an der Schnellstraße, der älteste Sohn unterstützt sie und arbeitet zusätzlich auf dem Bau. Das Autowaschen bringt jeden Tag um die 5 Euro, die müssen reichen, um die vier kleineren Kindern im Alter von sechs bis vierzehn Jahren zu ernähren und die Schule zu finanzieren. Und das ist nur ein Beispiel von vielen! Bisher gibt es in diesem Zentrum der Franziskanerinnen für die Kinder nur ein Frühstück. Die Schwestern möchten aber allen Kindern täglich auch ein Mittagessen anbieten und bitten uns darum um eine Unterstützung von 3.000,- Euro.

Auch in San Ramón bin ich gewesen. Etwa 9.000 Menschen leben heute in dieser Kleinstadt im bolivianischen Tiefland, dreimal so viele wie vor etwa 20 Jahren. Allerdings konnte der Aufbau der Infrastruktur nicht mit diesem Wachstum Schritt halten. Auch hier leben viele Familien ohne Strom und ohne fließendes Wasser. Vor fünf Jahren hat Pater Kazimierz dort ebenfalls eine Kindertagesstätte gegründet, in der sich rund 70 Mädchen und Jungen im Alter von acht bis zwölf Jahren nach der Schule aufhalten können und Nachhilfeunterricht erhalten. Für manche Kinder, so habe ich gehört, grenzt es an ein Wunder, dass es einen Ort gibt, wo immer fließendes Wasser vorhanden ist … Pater Kazimierz bittet uns um eine Unterstützung von 7.000,- Euro für Nahrungsmittel, didaktische Materialien sowie für die Gehälter von drei Lehrkräften.

Liebe Missionsfreunde, die Menschen in Bolivien und unsere Arbeit dort waren mir schon immer wichtig. Seit ich im Frühjahr dort war, habe ich selbst nochmals einen ganz neuen Bezug dazu bekommen. Ich habe erlebt, wie wichtig und sinnvoll unser Engagement dort ist. Wir können das nur, weil Sie uns dabei helfen. Und das vielfache Dankeschön, das dort mir gesagt wurde, gebührt Ihnen und allen, die uns in unserer Arbeit unterstützen. Ich gebe es gerne an Sie weiter.

Alles Gute Ihnen und einen herzlichen Gruß aus München –

Ihr

P. Cornelius Bohl ofm

Provinzial der Deutschen Franziskanerprovinz


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