16.03.18

Trotzdem

Osterbrief von Provinzial Cornelius Bohl ofm

Ostern in Concepción, Bolivien

Ostern in Concepción, Bolivien

Liebe Freunde der Franziskaner Mission,

Trotzdem. Das kleine Wort löst ganz unterschiedliche Assoziationen aus.

Trotzdem – der Begriff steht manchmal schlichtweg für Sturheit. Das trotzige kleine Kind ist sprichwörtlich geworden. Dabei geht es eigentlich nicht um Kinder. Es gibt diese trotzige Haltung, gegen alle Widerstände hartnäckig auf etwas zu bestehen: Alle sind dagegen. Aber ich mache es trotzdem. Ich will es einfach. Basta!

Trotzdem – das Wort kann etwas Tragisches an sich haben. Da gerät jemand in ungute Abhängigkeiten. Eine Sucht nimmt ihn mehr und mehr gefangen. Er weiß, dass ihm das nicht gut tut. Aber er kann nicht aufhören. Gegen alles bessere Wissen macht er trotzdem weiter.

Trotzdem – für manchen verbirgt sich hinter dieser Vokabel die Absurdität des Daseins. Das Leben hat keinen Sinn und kein Ziel. Trotzdem kann der Mensch nicht aufhören, nach einem Sinn zu suchen, weil er sinnvoll handeln möchte. Dieses Trotzdem verdichtet sich in einer Figur aus der griechischen Mythologie: Sisyphos muss einen riesigen Stein auf einen Berg hinaufwälzen, aber wenn er fast oben ist, rollt der Felsblock wieder herunter. Er wird ihn nie auf den Gipfel bekommen. Aber er versucht es trotzdem, immer und immer wieder.

Trotzdem – das ist für mich auch ein Schlüsselbegriff christlichen Glaubens. Gott kann nicht bewiesen werden. Vieles spricht gegen ihn. Trotzdem erfahren Menschen seine Gegenwart. Er bleibt oft fremd und unverständlich. Trotzdem vertraue ich ihm mein Leben an. Ist es absurd, zu glauben? Oder naiv? Viele würden das bejahen. Jedenfalls ist der Glaube keine einfache Rechnung, die schnell aufgeht.

Trotzdem – das ist auch eine Kurzformel für Ostern. Das Osterfeuer führt es jedes Jahr vor Augen: mitten im Dunkel ein Licht! Gewalt und Aggression bleiben. Trotzdem glauben wir, dass Versöhnung möglich ist. Das Leiden bleibt. Trotzdem singen wir das Halleluja. Der Tod bleibt. Trotzdem feiern wir, dass das Leben stärker ist. Der Auferstandene trotzt dem Tod.

Trotzdem – dahinter kann eine Haltung stecken, die die große Osterhoffnung in unseren kleinen Alltag übersetzt. Jemand hat mich enttäuscht – trotzdem lasse ich ihn nicht einfach fallen. Ich wurde ausgenutzt – trotzdem will ich mich nicht verhärten lassen und werde weiter Vertrauen wagen. Manche Bemühung war vergeblich – trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf und mache weiter. Ich kann die Welt nicht retten – trotzdem finde ich mich nicht einfach ab mit dem, was ist, und tue, was ich tun kann. So geht Ostern im Alltag.

Trotzdem – ein spirituelles Kraft- und Hoffnungswort, das auch viel mit dem Engagement unserer Projektpartner zu tun hat. Gerne berichte ich Ihnen auch in diesem Brief etwas von unserer weltkirchlichen Arbeit.

Zwischen dem bolivianischen Santa Cruz de la Sierra und der brasilianischen Grenze liegt die Chiquitania. In dieser wenig besiedelten Savannenregion gibt es fast keine Infrastruktur. Die Familien müssen sich von dem ernähren, was sie selbst anbauen, aber die Ernte reicht nicht aus, um satt zu werden. Dort liegt auch San Pablo, ein kleines Dorf mit nur 140 Einwohnern. Die 23 Familien leiden unter großer Armut. Besonders betroffen sind die Kinder. Sie kommen oft hungrig in die Schule, ohne Frühstück, auch am Abend vorher gab es nichts zu essen. Mit Hunger im Bauch kann man nicht lernen. Schwester María hat nun gemeinsam mit den Eltern dafür gesorgt, dass es in der Schule täglich ein Mittagessen gibt. Die Eltern kochen im Wechsel für die 30 Kinder. Ab und zu spenden sie auch Nahrungsmittel. Aber das reicht natürlich vorne und hinten nicht. Schwester María hat uns um 2.000,- Euro gebeten, um Reis, Getreide, Gemüse, Fleisch und Obst besorgen zu können. Sie kann nur wenigen Kindern und Familien helfen, vielen anderen nicht. Und was wird aus diesen Kindern, wenn sie groß sind? Solche Überlegungen könnten entmutigen. Schwester María tut trotzdem, was sie kann.

Auch beim nächsten Projekt geht es um eine Schule. Allerdings ist die Grund- und Mittelschule „Madre María Hueber“ der Haller Franziskanerinnen in Ascensión de Guarayos wesentlich größer. Die 500 Schülerinnen und Schüler sind zu viel für das Gebäude mit nur neun Klassenzimmern, darum werden sie im Turnus am Vormittag und am Nachmittag unterrichtet. Aber auch so platzt die Schule aus allen Nähten. Jetzt planen die Schwestern ein neues Klassenzimmer. Eltern wollen beim Bauen helfen. Für die Baumaterialien und Tische und Stühle sind 5.750,- Euro nötig. Wir möchten die Franziskanerinnen gerne unterstützen. Denn für die Schülerinnen und Schüler aus sehr armen Familien ist die Schule nicht nur ein Ort zum Lernen. Ohne diesen geschützten Raum wären sie der Gewalt der Straße, dem Drogenkonsum und der Prostitution ausgeliefert. Sie hätten kaum Zukunftschancen. Die Schule ist sehr wichtig für sie. Dennoch ist sie nicht für alle eine sichere Zukunftsgarantie, sie kann nicht vollständig ersetzen, was in den Familien und im gesellschaftlichen Umfeld kaputt ist. Und was machen die vielen Tausenden, die diese Möglichkeit nicht haben? Die Schwestern wissen das und stellen sich diese Fragen. Trotzdem machen sie weiter und wollen bauen.

Trotzdem! Sich nicht entmutigen lassen und die Hoffnung nicht aufgeben, der Resignation und der Gleichgültigkeit trotzen und das tun, was möglich ist. Das österliche Trotzdem der Christen ist durchaus kämpferisch, aber nie verbissen. Es hat eine vertrauensvolle Gelassenheit und Leichtigkeit, die aus der Osterfreude kommt. Ich wünsche Ihnen zum nahen Osterfest etwas von dieser widerständigen Hoffnung für ihren persönlichen Alltag. Zugleich danke ich herzlich für Ihr Interesse an unserer Arbeit und für alle finanzielle Unterstützung.

Herzliche Grüße aus München –

Ihr

P. Cornelius Bohl ofm

Provinzial der Deutschen Franziskanerprovinz


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