14.12.16

"Wachet auf"

Der Weihnachtsbrief von Provinzial P. Cornelius Bohl ofm

Weihnachten in Concepción - die Kinder haben Krippen gebastelt

Weihnachten in Concepción - die Kinder haben Krippen gebastelt

Liebe Missionsfreunde,

ich treffe immer wieder Menschen, die ein Schlaflabor aufsuchen, weil sie Schlafstörungen haben. Der Schlaf ist lebenswichtig. Kranke schlafen sich gesund. „Da muss ich erst einmal drüber schlafen“, sagen wir, wenn uns etwas bedrückt. Der französische Philosoph Voltaire hat schon Recht, wenn er meint: „Der Himmel hat uns zum Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten des Lebens zwei Dinge gegeben: die Hoffnung und den Schlaf!“

Die „Schlafmütze“ dagegen ist eine Witzfigur und oft sogar ein Schimpfwort. Sie kriegt nichts mit. Verschläft und verpasst, worauf es ankommt.

Wach sein, wach bleiben, Wache halten – das ist ein großes Thema im Neuen Testament. Jesus erzählt von einem Mann, der auf Reisen geht und dem Türhüter aufträgt, wachsam zu bleiben: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt.“ Oder er mahnt zur Wachsamkeit, weil man nicht weiß, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb einbricht. Das heißt: Sei jeden Augenblick ganz wach! Die „törichten Jungfrauen“ zum Beispiel verschlafen ihre Chance: Als sie endlich wach werden, ist es bereits zu spät und die Tür ist zu. „Wacht und betet allezeit“, sagt Jesus.

„Wachet auf!“ – dieses Lied samt dem Choralvorspiel von Johann Sebastian Bach gehört fest zum Advent. Gerade die dunkelste Zeit des Jahres mahnt zur Wachsamkeit. Das ist keineswegs nur eine gefühlsselige Begleitmusik zur Vorweihnachtszeit, sondern hat höchste politische und gesellschaftliche Relevanz: Wir müssen aufwachen, wenn Asylantenheime brennen und sich fremdenfeindliche und rassistische Stimmungen ausbreiten. Wir dürfen uns nicht schläfrig wegdrehen, wenn immer mehr Menschen in unserem reichen Land unter die Armutsgrenze rutschen. Es muss uns hellwach machen, wenn wir unsere Umwelt auf Kosten nachfolgender Generationen zerstören. Wir müssen wachsam sein, damit menschliches Leben von seinem Anfang bis zu seinem Ende den Schutz erfährt, den es braucht. Im geschichtlichen Rückblick kann man leicht fragen: Haben die denn damals alle geschlafen?

Schon vor knapp zehn Jahren hat die Franziskanische Familie in Cochabamba mit wachem Blick in dieser pulsierenden Stadt, dem quirligen Zentrum im Herzen Boliviens, wahrgenommen, wie erdrückend die Lebenssituation der Menschen in den Armenvierteln ist. Sie finden keine Arbeit oder werden ausgebeutet. Gewalt ist an der Tagesordnung. Hunger und Krankheiten prägen den Alltag. Damals wurde ein Sozialzentrum gegründet, in dem bis heute franziskanische und mit den Franziskanern befreundete Sozialorganisationen ihre Dienste anbieten. So gibt es verschiedene Arztpraxen, eine Apotheke, ein Labor und eine Suppenküche. In dieser Suppenküche bekommen jede Woche dienstags und samstags über 3.000 (!) Kinder, Jugendliche und Erwachsene etwas zu essen! Außerdem befinden sich dort Räume für die Arbeit mit Straßenkindern, zur Schulung indigener Bevölkerungs-gruppen in Bürgerrechten und für die Betreuung der Opfer von staatlicher Gewalt. Pater Orlando bittet uns um unsere Hilfe, damit er im kommenden Jahr für dieses Sozialzentrum die Lebensmittel besorgen und am Gebäude dringende Reparaturen vornehmen kann.

Wachgerüttelt von der Wirklichkeit wurde auch unser Mitbruder Juan Diego aus Kolumbien. Luis Vero, das Dorf, in dem er lebt und arbeitet, liegt nahe an der Grenze zu Venezuela. In diesem Gebiet haben seit den 90er Jahren schwere Kämpfe zwischen den Guerillagruppen und den paramilitärischen Einheiten getobt. Viele Kinder wurden als Kindersoldaten eingesetzt und haben nie eine Schule besucht. Diese Jugendlichen brauchen Hilfe und Begleitung, um wieder in ein normales Leben zurückkehren zu können. Pater Juan Diego schreibt uns, dass er während eines Besuches bei franziskanischen Projekten im Tiefland Boliviens gesehen hatte, wie Musik Menschen Freude und Hoffnung geben kann. So kam er auf die Idee, auch in seiner Gemeinde in Kolumbien eine Musikschule zu gründen. Tatsächlich entstand daraufhin im letzten Jahr in Luis Vero eine kleine Musikschule. Sie trägt den schönen Namen „Paz y Bien“, „Frieden und alles Gute“ – mit diesem Wunsch hat Franz von Assisi vor 800 Jahren schon die Menschen gegrüßt. 75 Kinder und Jugendliche haben dort die Möglichkeit, zu singen und ein Instrument zu erlernen. Was für eine Idee: Singen gegen die Traumata und inneren Verletzungen des Krieges. Musizieren gegen den Tod. Und es funktioniert! Pater Juan Diego möchte gerne zehn neue Gitarren, zwei Keyboards, zwei Querflöten, zwei Saxophone und ein Schlagzeug anschaffen und einen weiteren Musiklehrer anstellen. Dazu hat er uns um unsere Unterstützung gebeten und wir möchten ihm gerne helfen.

Wach werden, wenn Menschen Hilfe brauchen; wachsam sein, wo Menschen in Gefahr sind; wach bleiben, um aus der Zeit heraus die Stimme Gottes zu hören – dazu lädt uns der Advent wieder ein. Es ist interessant, dass es von dort eine direkte Verbindung zur Weihnachtsgeschichte gibt: „In jener Gegend hielten Hirten Nachtwache bei ihrer Herde!“ Weil sie wach waren und nicht geschlafen haben, haben sie als erste den Gesang der Engel gehört und das Kind in der Krippe gefunden.

Weihnachten ist ein Fest, das zu Herzen geht. Aber es lullt nicht ein. Es macht hellwach. Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit, in der wir wieder neu den Ruf hören „Wachet auf!“, und schon heute ein frohmachendes Weihnachtfest. Ganz herzlich danke ich Ihnen für Ihr Interesse an unserer weltkirchlichen Arbeit und für alle finanzielle Unterstützung. Sie hat es möglich gemacht, dass wir auch in diesem zu Ende gehenden Jahr wachsam auf viele Hilferufe reagieren und vielen Menschen, vor allem in Bolivien, konkret helfen konnten. Gott segne und begleite Sie auch im neuen Jahr.

P. Cornelius Bohl ofm


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