Schwerpunkt Bolivien

Der Schöpfungsbaum von Chochís - Tiere in der bolivianischen Kirchenarchitektur

Eine Naturkatastrophe im Jahr 1978 war der Auslöser dafür, dass in dem kleinen bolivianischen Ort Chochís eine Kapelle gebaut wurde. Stürmische Regenfälle hatten zu gewaltigen Erdrutschen geführt, von denen die Dorfbewohner verschont blieben, und auch ein Zug wurde wie ein Wunder davor bewahrt, mit der Brücke, die er eben passiert hatte, weggerissen zu werden. Mit dem Bau einer kleinen Wallfahrtskirche wollten die Überlebenden ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.  

Zwei Dinge standen für den schweizer Architekten Hans Roth, der mit der Planung beauftragt wurde, von Anfang an fest: Das neue Gotteshaus sollte keine Kopie amerikanischer oder europäischer Gebetsstätten darstellen, es sollte vielmehr die Handschrift der Chiquitanos, der Bewohner des bolivianischen Tieflands, tragen. Außerdem sollte es die Pilger auf demselben Weg zu Gott führen, den schon der Psalmist und der heilige Franziskus im Gebet gegangen waren: über den Lobpreis der Schöpfung. Ausdruck dafür ist – neben zahlreichen Darstellungen der regionalen Tierwelt auf den Säulengängen außerhalb des Gotteshauses – vor allem der zentrale Pfeiler im Innern der Kirche, der als Schöpfungsbaum gestaltet ist und der die gesamte Dachkonstruktion trägt. Lassen wir bei der Beschreibung dieses Werkes, das einheimische Künstler ausgeführt haben, den Architekten Hans Roth selbst zu Wort kommen:

Detailaufnahme

„Der Schöpfungsbaum trägt das gesamte schwere Dachgebälk der Kapelle, die sich über eine Grundfläche von 150 Quadratmetern erstreckt. Diese Säule zeigt eine Art Baum mit acht Ästen. Der Stamm ist sechs Meter hoch und hat einen Durchmesser von 80 Zentimetern. Die prachtvollen Schnitzereien, die auf seiner Oberfläche angebracht sind, zeigen ganz oben, oberhalb der Äste, Gott den Schöpfer allen Lebens. Ihm am nächsten sind die zwölf Apostel, seine Mitarbeiter am Werk der Gnade. Auf den acht Ästen ist je ein Engel mit einem Instrument abgebildet; sie bilden den Himmelschor.

Auf dem Stamm unterhalb der Äste ist das Sechs-Tage-Werk des Schöpfers mit der einheimischen Tier- und Pflanzenwelt dargestellt. Mann und Frau, das Werk des sechsten Tages, auf das Gottes Hand liebevoll verweist, tragen die Züge der einheimischen Bevölkerung. Die mächtigen Wurzeln, deren oberer Teil am Fuße des Baumes zu sehen ist, reichen anderthalb Meter tief in einen unterirdisch einzementierten Steinblock, durch den die ganze Konstruktion Halt findet.“ 

Auf dem Schöpfungsbaum von Chochís drücken Mensch und Tier zusammen die Liebe Gottes zu seiner gesamten Schöpfung aus. Und gemeinsam scheinen Mensch und Natur darauf zu antworten: „Wie wunderbar sind Deine Werke, o Herr. Lobe den Herrn, meine Seele!“ Alle Besucher der Kirche von Chochís und die Leser dieses Artikels sind eingeladen, in dieses Lob der Schöpfung mit einzustimmen.  

 

Bericht von Anke Chávez / Hans Roth 
Der Schweizer Architekt Hans Roth (1934-1999) hat in Bolivien viele Kirchen aus der Kolonialzeit restauriert und damit vor dem Zerfall bewahrt. Wegen seiner reichen Erfahrung mit der einheimischen Baukunst wurde er mit der Planung der Kirche von Chochís beauftragt.  Frau Chávez war von 2009 bis 2011 verantwortlich für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit der Franziskaner Mission in Dortmund.