Schwerpunkt Bolivien

Sehen, Urteilen, Handeln - Basisgemeinde »San Francisco de Asis« in Santa Cruz

Gemeindemitglieder mit Franziskanerpfarrer Ben-Hur Soto Carrera ofm

Durch eine Überschwemmung des Flusses Piraí im März des Jahres 1983 hatten wir, die Basisgemeinde »San Francisco de Asis«, alles verloren. Wir waren im wahrsten Sinne des Wortes am Boden zerstört und hofften auf die Behörden von Santa Cruz, dass sie uns, den Opfern dieser Naturkatastrophe, helfen würden. Das geschah allerdings nur sehr langsam. An die 100 Familien standen auf der Straße und hatten keinerlei Rücklagen, mit denen sie etwas Neues hätten aufbauen können. Mit der ersten Hilfe konnten gerade einmal die Grundbedürfnisse befrie­digt werden. Santa Cruz stellte uns schließlich eine unbewohnte Zone südöstlich der Stadt zur Verfügung. Das Wichtigste war zunächst, ein Dach über den Kopf zu bekommen. Aber es fehlte uns an allem. Wasser mussten wir aus einem provisorischen Brunnen schöpfen. Das hatte zur Folge, dass Kinder an Erbrechen und Durchfall durch verunreinigtes Wasser starben. Unsere Situation war wirklich deprimierend. Aber gestärkt durch den Glauben haben wir uns bis zur Erschöpfung eingesetzt, um zunächst unsere unmittelbaren Probleme zu überwinden.

Hilfe durch die Franziskaner

Erst zehn Jahre später ging es uns wieder deutlich besser. Wir sind Gott dankbar, dass er uns Brüder und Schwestern geschickt hat, die uns halfen und unseren Glauben stärkten. Zusammen sind wir mit dem Banner Christi weitergegangen, froh über das, was wir schon erreicht hatten.

Die Brüder und Schwestern des Franziskanerordens, deren Anwesenheit uns immer wieder an Engel erinnerte, unterstützten uns so gut es ging mit dem Trost des Wortes Gottes. Und sie organi­sierten Hilfe über ihre Brüder im Ausland. Sie besuchten uns in unseren Hütten, ermutigten uns und forderten uns auf, gemein­sam zunächst für Lebensmittel zu sorgen. Wir nannten dies den »gemeinsamen Topf« (olla común). Zuerst trafen wir uns zu gemeinsamen Besprechungen und zur Heiligen Messe unter dem Schatten eines Baumes, an dem einzigen Ort, der frei von Unkraut war. Wir haben entdeckt, dass wir nur gemeinsam – mit dem Wort Gottes im Herzen – unseren Weg finden würden.

Das Motto:Sehen, Urteilen, Handeln

Mit den biblischen Texten aus der Apostelgeschichte beleuchteten wir unsere Wirklichkeit. Ähnlich wie es die frühen Christen getan haben, überlegten wir dann, wie wir das Gelesene in unseren Alltag übertragen könnten. Sehr oft fanden wir einen Weg, wie wir handeln konnten, um unsere Probleme zu lösen, und wir fanden Strategien, die uns halfen, vorwärtszukommen. Wir haben gelernt, dass wir nur zusammen mit dem Gott des Lebens und durch unsere Gebete in der Lage waren, unsere Lebenssituation zu verbessern.

Die Familien hatten fast alle 5 bis 10 Kinder. Heute danken wir Gott vor allem, dass die meisten von ihnen schon ein kleines Häuschen und einen Beruf haben und in der Gemeinde verwurzelt sind. Ja, wir haben sogar den Sohn einer Schwester in unserer Mitte, der Franziskaner geworden ist und der uns mit Freude und Stolz erfüllt. Es ist Ben-Hur Soto Carrera ofm. 

Wir fühlen uns gesegnet und privilegiert durch diese Berufung. Einmal in der Woche treffen wir uns und danken Gott für alles, was der Herr uns gegeben hat, und bitten ihn, er möge uns auch weiterhin begleiten.

Kapelle Santa Rita: Gottesdienst- und Versammlungsort

Kapelle und Gesundheitszentrum

Schließlich haben wir gemeinsam eine Kapelle gebaut und ihr den Namen gegeben: »Wundertätige Jungfrau« (Virgen Milagrosa). Zu-sammen mit Pater Martin Sappel und Pater Juan Luis Belautegui haben wir einen Fonds gegrün­det, mit dem wir zunächst eine Kapelle gebaut haben. Es ist eine Art »geteilter Besitz« (fondo compartido), von dem viele profitiert haben. Voraussetzung war, dass die Teilnehmer an diesem Fond monatlich eine Gebühr von 80 Bolivianos entrichten (ca. 9 Euro). Diese Einlagen wurden einige Monate angespart. Dann wurden nach und nach kleine Unterkünfte errichtet, so dass schließlich eine große Zahl von Familien, vor allem jene ohne Gehalt, ohne festen Arbeitsplatz bzw. Witwen und ältere Menschen, davon profitieren konnten. Jedes Haus bekam ein Schlafzimmer, eine Küche und ein Bad. Während der Bauarbeiten spendete die Caritas Lebensmittel, die wir an alle, die mitgeholfen hatten, verteilten. Um den Lebensstandard der Bewohner zu verbessern, wurden viele in handwerklichen Berufen geschult. In diesem Stadium gab es dann den Vorschlag, ein kleines Gesundheitszentrum zu bauen. Nachdem wir einen Ort dafür gefunden hatten, wurde es wie unsere Kapelle »Wundertätige Jungfrau« genannt. Mit der Unterstützung von Freiwilligen, Brüdern und Schwestern fingen wir zunächst in einem Zelt an. Dort gab es Konsultationen und Medikamente, die von der Stadt und von verschiedenen Ländern gespendet wurden. Es ist bis heute eine Erste-Hilfe-Station.

Mutig vorangehen

Unsere Basisgemeinde hat sich den Namen »San Francisco« gegeben wegen ihrer Demut, Einfachheit, Liebe und Dienst am Nächsten. Heute gehören wir zur Pfarrei »Christus Diener« (Christo Servidor). Wir sind stolz, einer der ersten Glaubensgemeinschaften in der Region Plan Tres Mil zu sein.

Unser Handeln motivierte auch andere Schwestern und Brüder, sich zu organisieren und dadurch auch die Gläubigen unserer Pfarrei zu unterstützen. Bis heute sind wir eine Gemein­schaft, die den Dienst am Nächsten verwirklicht und die Hilfe verschiedenen sozialen Gruppen, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen anbietet. Wir sind nicht viele, aber wir verlieren niemals den Mut.